V - Die Saturn Einweihung

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"Das Gnostische Evangelium der Pistis Sophia", geschrieben von Basilidus Valentinus im 2. Jahrhundert nach Chr.

Wenn ein Pilger die Saturn-Einweihung vollbringen will, dann muß er seinen Widersacher sehr gut kennen lernen. Er muß wissen, daß Saturn über alles herrscht, was sehr stoffgebunden und träge ist. Das heißt, daß Saturn im Kreis der sieben Planetendämonen derjenige ist, der den Menschen an die Materie bindet. 

Saturn gleicht dem Rassengott Jahwe, der den Menschen in seinem Kreis - bis hierher und nicht weiter - festhält. Um diesen Saturn zu überwinden, gibt es nur eine Möglichkeit: den Geist zu Hilfe zu rufen. 

In der Astrologie sagt man, daß die Sonne die saturnalen Wirkungen bekämpft. In der Astrosophie lehrt man, daß der Körper durch den Geist überwunden werden muß. Das Blei, Metall des Saturn, muß im Feuer des Geistes zum Gold der Alchimisten umgeschmolzen werden. 

Vor der Pforte des Saturn wird der Mensch stärker als je zuvor mit dem Stoff, der Materie, seinem Ich - oder der Kristallisation - konfrontiert. 

Wenn ein Sucher in der Kristallisation erstarrt, bedeutet das, daß die "Pforte des Saturn" ihn zurückgehalten hat. Alle Sucher machen sich froh auf den Weg in der Hoffnung, Erleuchtung, inneren Reichtum oder Erlösung der Seele zu finden. Die Dämonen dieser Natur lassen diese Sucher ihren Weg gehen, weil sich ihr Suchen noch stets als ein Spiel erwiesen hat, bis....... bis die Saturneinweihung kommt und es sich zeigt, daß der Sucher bis zur "Pforte des Saturn" hinaufgestiegen ist. 

Dann kommt die schwierigste Überwindung; dann steht der Sucher, jede Seele, vor dem gefährlichsten Feind; denn der saturnale Ring "Bis hierher und nicht weiter" wird um diesen Sucher gezogen, und er würgt ihn mit beengendem Griff. Diese Seele fühlt das Würgen, sie erfährt die Angst vor dem Sterben der Seele, sie weiß sich gefangen; aber oftmals scheint sie den Mut zu verlieren, sich dem Würgegriff zu entziehen. 

Das ist das Leiden des Menschen, der vor der "Pforte des Saturn" steht und nicht weiß, wie er hindurchgehen kann! Er hat viel gelernt, viele Erfahrungen gemacht, und er denkt, daß er beinahe an seinem Ziel angekommen ist! Kurzum, solch ein Mensch ist oft übermütig, eigenbrötlerisch und arrogant in seinem Spiritualismus. 

Er unterschätzt Saturn mit seinem mächtigen Bann, der den Auftrag hat, jede Seele in der Begrenzung der Naturäonen festzuhalten! 

Verstehen Sie nun, weshalb wir sagen, daß der Mensch niemals allein durch die Saturnpforte gehen kann, sondern nur in Gemeinschaft? 

Alles, was der Mensch vollbracht hat, alle Lehren, die er zusammengetragen hat, und außerdem die Einweihungen der Vorbereitung, werden hier der schwersten Prüfung unterworfen. Hier muß der Mensch wählen zwischen Stoff und Geist, Saturn oder Geistsonne. 

Jedes Zögern wird benutzt, um den würgenden Griff dieses Dämons zu verstärken! Darum müssen Sie klar erkennen, womit eine Gruppe von Menschen auf dem achtfachen Pfad beginnt: Jeden Augenblick kann einer von ihnen das Opfer des großen Würgers sein; jede Sekunde und jeden Augenblick wird der Mörder der Seele an ihrer Seite gehen und jede Schwäche beobachten, damit er zuschlagen kann! 

Darum fordert dieser Weg durch die Pforte eine fortwährende Aufmerksamkeit, eine immerwährende innere Kraft und eine alles unterscheidende Liebe in einem alles überwindenden Bruderband. 

Der sich befreiende Seelenmensch wird auf solche Weise an die Materie gebunden, daß er glaubt, einen Pfad zu gehen. Sein Denken wird in Fesseln gelegt und dreht sich in einem Kreis alter Lehren, alter Erfahrungen, alter Methoden: Der Ring des Saturn hat dann das Hauptheiligtum umschlossen. Das Herz verlangt nach den Emotionen aus der Vergangenheit, nach mystischen Verführungen, die keine Zerbrechung fordern, nach Formen und Bildern, die es umfassen kann: Der Ring des Saturn legt auch das Herz in Fesseln. 

Schließlich wird die freie Willenskraft, d.h., das Feuer des wiedergeborenen Willens, langsam betäubt, indem auf jede Art und Weise dem alten Willensverlangen Nahrung gegeben wird. Der alte Wille sucht immer Sicherheit als Reaktion auf das katastrophale Geschehen des Sündenfalles. 

Jeder Mensch, der die Erlösung der Seele sucht, verlangt im tiefsten Wesen gleichfalls nach Sicherheit, und darum schließt Saturn bei diesem Verlangen an und bietet dem Willen die Geborgenheit religiöser, toter Körper, in denen die saturnale Begrenzung in Ehren gehalten wird. 

Jede gnostische, ursprünglich seelenbefreiende Lehre wird im gegebenen Augenblick vor den saturnalen Ring gestellt, und dann geht es darum, ob der vermittelnde religiöse Körper die gnostischen Lehren verstanden hat oder nicht, ob die aufnehmende Gruppe in diesem Körper den Ring des Saturn durchbrechen kann oder nicht! 

In der Geschichte sind es immer Einzelne gewesen, die dem großen Würger widerstanden haben; die Menge ging an der drückenden Schwerkraft des Saturn-Dämonen zugrunde. 

Wenn wir sagen, daß die Episode von Petrus, dem Felsen, vorübergegangen ist, dann meinen wir damit, daß aus der Menschheit eine Gruppe von Seelen aufstehen muß, die es wagt, den Felsen der Materie loszulassen, die es versucht zu wagen mit einem astralen, ätherischen Bauwerk, mit einem leuchtenden Körper, in dem die Geistsonne wohnt! 

Wir nehmen in dieser Ära an dem Kampf zwischen Petrus und Johannes, zwischen Saturn und der Geistsonne, teil. 

Es ist ein Ringen auf Leben und Tod; denn jede Seele, die von der Geistsonne berührt ist und diese Berührung bis ins Blut erfährt, widersetzt sich dem materiellen Würger und bedeutet eine Gefahr für die Naturäonen. Der Pilger kann sich darauf verlassen, daß er auf unvorstellbare Widerstände stoßen wird, wenn das neue Land der Seele in Sicht kommt. 

Er wird vor die Hölle seiner eigenen Persönlichkeit gestellt, vor die Hölle des kochend heißen saturnalen Bleis der Ichraserei, weil er es gewagt hat, sich dem Grenzwächter Saturn zu widersetzen, dem Satan, der den Tempel des Königs bewacht. Seine Persönlichkeit wird sich in all ihrer wütenden Macht aufrichten und sich in Satan verändern, den Wächter, der die Schlüssel zum Tempel besitzt. 

Das Überwinden dieses Wächters bedeutet, die Schlüssel des Tempels in Besitz zu nehmen. Überwindet dieser Wächter jedoch den Pilger, dann werden die Schlüssel zur Verdammung in den Kerker der Naturäonen gebraucht. 

Wenn man jedoch in Gemeinschaft diesem Satan, diesem Würger entgegentritt, dann kann man ihn gemeinsam binden, und einer oder einige können in den Tempel hineingehen und dort ein Ritter Roseae Crucis werden, der die Schlüssel besitzt, und der allen, die ihm lieb und von seiner königlichen Rasse sind, helfen wird, hineinzugehen! 

Verstehen Sie diese Sprache? 

Verstehen Sie, daß man gemeinsam den Torhüter bezwingen kann, damit durch eine Gruppe die Zugangspforte für die Würdigsten geöffnet wird? 

Als einzelner ist man schwach, als Gruppe kann man stark sein, und aus der gesamten geistigen Anstrengung kann der Überwinder geboren werden! 

Wenn der Mensch nun denkt: Ich will überwinden, ich will hineingehen, ich will die Schlüssel besitzen, fällt er in die Hände des Torhüters, der ihn mit Hilfe der Begierden des Ichs überwindet. Darum ist gerade jetzt, in dieser Phase des Gehens auf dem Pfad, jeder ichzentrale Gedanke, jede ichzentrale Regung verhängnisvoll. 

Man wird hier nicht nur von seinen Nächsten beobachtet, sondern die Naturäonen, die Dämonen des Himmels, folgen einem auf dem Fuße - aber auch, zum Trost, die Kräfte des Lichts. 

Alle, die eng mit dem Pfad verbunden sind, die stark miterleben und sich diesem Durchzug durch die Pforte des Saturn überlassen, werden doch erfahren, wie innerlich an ihnen gearbeitet wird?!  Sie werden doch erfahren, wie einerseits das Licht sich wie ein jauchzender Ruf in ihnen niederläßt, während andererseits die Nacht so schwarz ist wie nie zuvor! 

Sie müssen doch alle erfahren, wie der innere Streit, heftiger als je zuvor, sie in den Wellen des Jordan hin und her wirft?! 

Darum sagen wir immer wieder: Kehre ein in die Stille, o Kandidat! Gehe in die Ruhe ein! Gehe in das Schweigen ein! 

In diesem Augenblick der Jordanreise ist jede Form von Streit, wie gut auch gemeint, absolut falsch und sehr gefährlich. Denn ein Widerstand gegen den Torhüter ruft seinen Zorn auf, er ist dann auf der Hut! Darum muß der Pilger vollkommen anders reagieren. Er wird diesen Würger nicht mit seinen eigenen Waffen bekämpfen, sondern er muß die Waffenrüstung Gottes anlegen, das reine Gewand des Jordan. Er muß seinen Blick abwenden von diesem Dämon des Himmels und seine Hände von seinem Besitz fernhalten. Er darf sein Herz nicht an das saturnale Lied der Erde binden noch das Denken übergeben an sein Lied der Äonensphären! 

Der Pilger versteht vielleicht selbst nicht, wie sehr die Kraft des Saturn ihn betäuben kann, und wie ungeheuer groß seine Macht ist. Saturn zu überwinden, bedeutet: Das Verlangen des Petrus, für Christus ein steinernes Haus oder ein Zelt zu bauen, zu negieren, seine Verleugnung Lügen zu strafen, seine Ehrsucht, das Reich Christi in der Materie zu gründen, aufzugeben! 

Das ist die Aufgabe des achtfachen Pfades durch den Jordan: 

Kein Jagen nach einem umfangreichen, organisatorischen, religiösen Apparat, in dem man das Licht gefangennehmen will; keine Verneinung mehr, wenn der Augenblick kommt, da Christus Sie bittet, Ihn zu begleiten; keine Ausflüchte mehr, keine schönen Phrasen und kein Gebundensein an die Erde. 

Und schließlich: kein einziges Verlangen mehr nach einer Thronbesteigung, sei es im sichtbaren, sei es im unsichtbaren Gebiet. Das bedeutet, Abstand zu nehmen von der Materie, vom Felsen des Saturn, und das Anstimmen des Liedes der Geistsonne. 

Wenn in dem Pilger kein Interesse mehr besteht an der Materie in welcher Form dann auch - kann Saturn ihn nicht zurückhalten, kann er ihn nicht angreifen. Er behält nur das, was von ihm ist, und das wird nichts anderes sein als das alte Gewand, das alte Denken, Wollen und Fühlen. 

Nun, das mag der Pilger bei Satan zurücklassen, und er soll damit seinen Lüsten frönen; aber der Pilger selbst wird weitergehen 

im neuen Gewand, im Bußgewand der Pistis Sophia*), auf das bereits viele Namen geschrieben sind. 

Niemand wird ihn dann mehr zurückhalten können, weil er unerreichbar geworden ist! Solange der Pilger am Alten hängt, sich emotionell, intellektuell, willensmäßig an das Reich der Naturäonen bindet, ist er im Bereich des Saturnringes. 

Jedes Mal aufs neue wird er bemerken, wie der Ring ihn töten will, wie der würgende Griff ihn zu ersticken droht, und jeden Augenblick wird, wenn er dieses versteht, ein Hilfeschrei in ihm emporsteigen, und er wird Antwort erhalten, weil er noch lebend ist, weil die Seele in ihm noch nach Erlösung hungert und ringt! 

Denken Sie deshalb daran, Pilger, daß Sie dieser Seele Kraft zuführen, daß Sie sie nicht untergehen lassen in diesem Ringen in Todesnot. Verbreiten Sie ein Feld von Reinheit um sich her, bauen Sie innerlich am Feld der Liebe, geben Sie ihr Raum, um Atem zu holen. 

Verstehen Sie doch, Pilger auf dem Heimweg: Tauchen Sie Ihre Seele unter im Bad des Lichtes, damit sie in ihrem Ringen aufs neue genährt werde! Lassen Sie all Ihr Streben, all Ihr Suchen, all Ihr Verlangen auf dem achtfachen Pfad nicht umsonst gewesen sein; denn Sie stehen nun vor der Entscheidung! 

Viele haben sich bereits entschlossen; aber sie verstehen vielleicht noch nicht, was es heißt, vor dem Satan in der Vorhalle vom Tempel des Königs zu stehen! Sie greifen vielleicht in Todesangst noch einmal zurück nach dem festen Felsen, der sicheren Materie des Saturn! Und siehe, gleich, im selben Augenblick, ist da der Kampf, der heftige Streit um die Seele und die kräftigen Angriffe des Ichs, das aus und in den saturnalen Feldern lebt. 

Wenn Sie wahrlich überwinden wollen, wenn Sie ernsthaft und vor allem hungernd nach dem Guten Ende verlangen, brechen Sie dann radikal mit aller äußeren Form, mit allem Schein, mit allem Glanz dieser Welt. Lassen Sie alles zurück beim Torhüter, damit er sich sattesse, und auf daß ihm, wenn er schläft, die Schlüssel fortgenommen werden können. 

Lassen Sie ihn nicht um seine Nahrung kämpfen, im Gegenteil, machen Sie es anders, machen Sie es wie die Seele, und geben Sie das, was er verlangt, geben Sie ihm das Seine; aber behalten Sie das, was Gott und dem Licht gehört! 

So wird uns gelehrt in der verborgenen Sprache der Schrift! 

Die Haltung des Pilgers muß sein wie die von Johannes: Wissend lächelt er, sehend weint er um die, die nicht verstehen, und empfangend jauchzt er, und schließlich schweigt er, da die Worte dieser Welt nicht vermögen, die Größe seiner Entdeckung auszudrücken! 

Der Pilger lernt zu schweigen, so wie alle Weisen es getan haben, und in dem Schweigen, durch das Schweigen, bricht in ihm die Grotte von Bethlehem auf, und die Geburt Christi findet statt. 

Das ist der Augenblick, in dem er den alten Menschen Saturn schenken wird, um mit dem Kind des Lichtes weiterzugehen! 

Dann zeichnet der Tiefe Friede von Bethlehem um sein Haupt die strahlende Aureole, und der Stern leuchtet an seiner Stirn. So wird er der Auserkorene, derjenige, der den Wächter überwunden und der die Schlüssel zum Heiligtum empfangen hat. 

Alle sind gerufen, diese Überwindung zu erkämpfen; aber nur einige werden auserwählt, weil der Durchgang schwer ist. Lassen Sie dann die Einzelnen hindurchschreiten! Lassen Sie dann die Einzelnen überwinden, damit Sie für alle, die nach Ihnen kommen, einen schmalen Durchgang bereiten und die praktischen Lehren weitergeben können. 

Behindern Sie niemanden mit den eigenen saturnalen Eingebungen. Verbannen Sie auch diese satanischen Eigenschaften, und stehen Sie befreit von jeglicher Beherrschung durch die Natur. 

Nehmen Sie Abschied von der eigenen Persönlichkeit; aber klammem Sie sich auch nicht an die Person Ihres Nächsten, sehen Sie die Seele. 

Wenn ein wahrhaftiger Pilger neben Ihnen geht, wird auch er damit beschäftigt sein, Saturn und das stoffgebundene Ich zu überwinden. Nageln Sie Ihren Nächsten nicht durch Ihre eigene Gebundenheit an den Felsen des Saturn. 

Sehen Sie durch alles hindurch die Seele und wachen Sie über Ihre eigene Lichtkraft. Vergeuden Sie Ihre Zeit und Kraft nicht damit, sich in die Möglichkeiten und Behinderungen Ihres Nächsten zu vertiefen! Wachen Sie über Ihr Leben, so steht es geschrieben. Nun, tun Sie es dann, Pilger! 

Tun Sie dies in Stillschweigen, jede Seele tragend in der Liebeskraft Ihres Mit-Lebens. Lassen Sie die Sphäre um Sie hin nicht mit den Schreien des Kampfes erfüllt sein, sondern bauen Sie das Feld der Stille um sich. Bauen Sie ein Feld der Erwartung und ein Feld voller Licht. 

Durch die inspirierenden Eingebungen dieses Feldes werden alle Schwierigkeiten aufgelöst werden, wird jeder Kampf enden, und Sie werden immer die richtige Antwort finden. 

Darum fürchten Sie den Torhüter nicht, fürchten Sie den großen Würger nicht; denn das, was er besitzen will, wollen Sie fortwerfen! 

So wird der Pilger in Harmonie und Übergabe - und vor allem, getragen von einer unaussprechlichen Freude - den so schwer erscheinenden Durchgang vollziehen! 

Und er wird, als eine neue Sicherheit, wissen, daß das Licht der Lichter mit ihm ist! Dieses nun ist die neue Sicherheit, die er für das fortgeworfene Gewand empfängt! 

Möge diese Sicherheit Sie von allen Seiten umringen, Pilger!

©1970 - 2019 Henk und Mia Leene