37 - Die Sohnschaft Gottes

Es wurde zu Ihnen gesprochen über die Jünger und über die Zuhörer, über die, welche wahrlich den Pfad der Verwirklichung gehen wollen und über die, die innerlich eigentlich nicht wollen, sondern nur interessiert sind. 

Sie wissen, daß die Aufgabe für den Menschen auf dieser Erde ist: eine Rückkehr zu der Sohnschaft Gottes. 

Wir möchten Sie fragen: Was stellen Sie sich eigentlich unter solch einem Sohn Gottes vor? 

Meinen Sie, daß er ein guter Anhänger des einen oder anderen Meisters sein muß, meinen Sie, daß er ein guter Schüler des einen oder des anderen Lehrers sein muß? 

Wo hört nun für Sie (in Ihrem Denken) Jüngerschaft und Schülerschaft auf, um in die Sohnschaft überzugehen? 

Sehen Sie irgendeinen Unterschied zwischen Jünger, Schüler und dem Sohn des Vaters? 

Es geht hier wirklich um eine grundsätzliche Frage. 

Wenn es Ihnen genügt ein gehorsamer, ergebener Lehrling oder Schüler irgendeines Predigers zu sein, sind Sie noch nicht zu der Umkehr der Sohnschaft gekommen. 

Solange Sie nur weitergehen entlang den Anweisungen des Meisters oder Lehrers, kann vielleicht hinsichtlich dieses Lehrers über eine Sohnschaft gesprochen werden, aber nicht im Hinblick auf Sie!  Die Welt ist voll von Menschen, die sklavisch oder gläubig einem Lehrer folgen, und das kann im Beginnstadium äußerst nützlich, lehrreich und heilsam sein, aber es kommt ein Augenblick, da der Zuhörer ein Jünger und der Jünger ein Sohn werden muß. 

Man kann in dem Leben des suchenden Menschen drei Stadien unterscheiden: erstens: ein interessiertes Zuhören - zweitens: eine gläubige, strebsame Jüngerschaft unter dem einen oder anderen Meister oder Lehrer - 

und drittens: selbst zum Sohn des Vaters zu werden. 

Der übergroße Teil der Welt-Religionen besteht aus Zuhörer, dann gibt es noch einige, die sich eines treuen Schüler - oder Jüngerkreises rühmen können, aber die, welche sagen können: wir versammeln unter unseren Menschen Söhne des Vaters, sind wenige - wenn es sie überhaupt gibt! 

Der Zuhörer philosophiert, studiert. 

Der Schüler folgt treu, gläubig, dem Weg, den der Lehrer oder Meister ihm weist - 

der Sohn des Vaters hat diesen Weg IN sich selbst entdeckt, erforscht und folgt ihm also von innen heraus, innerlich allein - äußerlich manchmal mit seinesgleichen. 

Wir möchten gerne, daß Sie dieses deutlich erkennen, weil wir kein Mißverständnis säen wollen. Wir möchten nicht, daß Sie unüberlegt, allein auf autoritäres Geheiß hin, unseren Anweisungen oder Bedingungen folgen. 

Wir möchten gern, daß Sie treue, ehrliche, bewußte Jünger sind, aber wir möchten nicht, daß Ihre Jüngerschaft zu instinktivem Fanatismus führt, ohne daß Sie den tiefen Grund Ihres Strebens kennen. Ein beseelter Führer kann aus seinen Anhängern treue Bekenner machen, sogar Schüler, die seinem angegebenen Weg gewissenhaft folgen. Er ist dazu imstande durch seine persönliche Macht, durch seine Überzeugungskraft und manchmal durch seine Lebensmethode.  Aber alles das bedeutet noch nicht, daß der Schüler zu der Sohnschaft gekommen ist! 

Den Beweis der inneren Sohnschaft empfängt er erst, wenn er von seinem Meister oder Lehrer losgelassen wird, und er selbst auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen kann, rein und allein, auf der Basis der eigenen innerlichen Macht. In solch einem Menschen ist die Äußerlichkeit zu der Innerlichkeit übergegangen. 

Er ist bei dem letzten Stadium seines Sucher-Weges: und er erforscht nun von innen heraus. Dieses nun ist es, was wir mit dem Pfad der Verwirklichung beabsichtigen. 

Alle äußeren Deklarationen sind eine willkürliche, logische Folge seiner inneren Verwirklichung. In dem Augenblick gibt es keine Probleme mehr, keine Erwägungen, kein Suchen mehr nach einem äußeren Lehrer. Es kann allein noch ein Sympathisieren sein mit denen, die dasselbe beabsichtigen und verwirklichen. 

Darum sagten wir: Es gibt wenige Bewegungen in der Welt, die diese Söhne zusammenfügen, wenn es diese Bewegungen gibt!  

Ein Mensch, der die Sohnschaft zustandebringt, damit beschäftigt ist, sucht nicht seinesgleichen, sondern sucht die suchenden Seelen!  

Ein Sohn des Vaters wagt es, innerlich allein zu stehen! 

Vielleicht klingt das einigen von Ihnen fremd und hart in den Ohren, aber Sie können es am eigenen Leibe nachprüfen! Sobald Sie innerlich in sich selbst eine Kraft spüren, fühlen Sie sich nicht mehr allein, dann verlangen Sie nur nach Ihren Geistverwandten, weil Sie deren gleiche Einstellung herrlich finden. Sie suchen dann ein Kraftfeld, eine reine Atmosphäre, weil Sie die innere Kraft anfachen wollen. Das ist der allererste Beginn der Sohnschaft: die eigene innere Kraft zu entdecken. 

Mit dieser inneren Kraft können Sie nicht einen äußeren Meister oder Lehrer beauftragen, denn dann wird diese Kraft in das Denken dieses Lehrers eingekapselt! 

Diese innere Kraft müssen Sie selbst entfalten und Sie anwenden für die eigene Umkehr zu der Sohnschaft. 

Es geschieht so häufig, daß Menschen, die ein inneres Verlangen besitzen, dieses an einen dogmatischen Führer gefangen geben, an einen ehrgeizigen oder besessenen Menschen. Wenn sich unter dem Einfluß einer Gruppe oder eines Leiters oder einer Schule Ihr eigenes inneres Verlangen und Ihre innere Kraft, die Sie vielleicht vorher kannten, abschwächt, es nicht mehr beseelend ist, dann stimmt etwas nicht mit Ihrer Lebenseinstellung und Ihren Lebensgewohnheiten. Dann lassen Sie sich möglicherweise irreführen! 

Vor allem möchten wir, daß Ihr inneres Verlangen frei bleibt, sich frei bewegt und sich zu dem wendet, das es anzieht. Das ist Freiheit! 

Wenn wir dieses Verlangen gefangennehmen durch unser Denken, sind Sie unser Gefangener.  Wie sehr Sie auch mit dieser Gefangenschaft zufrieden sein mögen,  Gefangenschaft bedeutet Stillstand. Sie kommen dann nicht weiter als bis zu dem Denk-Stramin der Gruppe oder des Führers! 

Darum ist es nötig, daß Sie über das hier Gesprochene nachdenken, es überlegen und nötigenfalls erkennen, daß Sie sich innerlich damit nicht in Übereinstimmung fühlen. 

So wollen wir auch danach streben, daß ein gegenseitiger Gedankenaustausch zustandekommt. 

Es muß eine Wechselwirkung sein und nicht nur ein Anhören, ein Aufstapeln von Lehren. Diese Lehren müssen Sie innerlich verarbeiten und das kann mit durch Gedankenaustausch geschehen.  

Sie in diese Freiheit zu stellen, ist ein Risiko für eine äußerliche Organisation, darum vermeiden die religiösen Gruppen dieses. Man nennt es: das Untergraben der Macht oder der Autorität. Es gibt immer ein äußerliches Gesetz, an das die Mitglieder einer religiösen Bewegung sich halten müssen. Es gibt Regeln, die durch die Macht eingesetzt sind. 

Wir sagen Ihnen: Wir erkennen nur die Regeln an, die Sie innerlich unterschreiben, die Sie innerlich als logisch und für einen spirituellen Pfad als selbstverständlich erfahren. 

Alle Regeln müssen Sie selbst verteidigen können, fundieren und verantworten. Es muß so sein, als ob Sie selbst die Regeln machen, und nicht die Autorität oder der Lehrer! 

Eine autonome Lebenshaltung bedeutet Selbst-Autorität. 

Und eine Selbst-Autorität muß selbst bestimmen können. 

Wir sprechen somit nicht mehr über Selbst-Autorität, sondern wir stellen Sie dort mitten hinein, wir stellen Sie vor die Tatsache dieser Selbst-Autorität. Und was dann daraus hervorkommt, zeichnet Sie als Mensch, als Sucher. 

Bewußtseinszustand ist Lebenszustand. 

Um diesen Lebenszustand zu demonstrieren, muß Ihr Bewußtsein frei sein, um sich entfalten zu können. 

Ein Lebenszustand innerhalb eines Gefängnisses beweist nichts! 

Im Gegenteil: Lange Gefangenschaft macht den Menschen zu einem lebensscheuen Individuum. Jemand, der einen großen Teil seines Lebens in einem Kloster zugebracht hat, steht dem Leben fremd gegenüber, hat sogar große Mühe, den magischen Stempel des Klosters loszuwerden. 

Genauso ist es der Fall mit denen, die jahrelang gebunden sind oder waren an eine magische, religiöse Bewegung. 

Einmal äußerlich los, muß man noch innerlich loskommen. Muß man aufs neue beginnen sein wahres Selbst zu entdecken. Denn dieses wahre Selbst ist gefangen genommen, gekettet und zur Lebensangst gekommen. 

Die, welche wahrlich die Sohnschaft ererben wollen, müssen ihr wahres inneres Selbst ausgraben. Ihr Denken muß sich frei entwickeln, ihr Gefühlsleben muß sich frei an das heften können, was für sie anziehend ist.  Die Fesseln der Gefangenschaft müssen äußerlich, aber vor allem innerlich durchschnitten werden.  

Zuhörer sein kann jeder, auch der Gefangene. 

Jünger werden kann der Mensch, der wiederum imstande ist, die Wahrheit zu erkennen. 

Aber Sohn Gottes werden kann nur der, der die Jüngerschaft des Inneren Gottes anzunehmen wagt auf der Basis der Selbst-Autorität.  

Die Worte: "Ich kann nicht" werden immer von dem Menschen gesprochen, der seinen eigenen inneren Gott, oder seine innere Kraft nicht kennt. Oder von denen, die schwach im Verlangen, schwach im Willen und bequem sind. 

Wenn Christus sagt: Keiner kommt zum Vater denn durch Mich, dann bedeutet das nur: Keiner kommt zum Vater denn durch Mich, den Logos, das Lebendige Wort. 

Jemand, der den historischen Christus anbetet, kann diese Worte nur in Verbindung bringen mit der Macht einer äußerlichen Autorität.  

Dieser Logos, dieses Lebendige Wort, ist die Urschwingung des Lebens, die Urschwingung aus dem Göttlichen All. Keiner kommt zum Vater als durch dieses Lebendige Wort, als durch diese Schwingung des Allmächtigen. Diese Schwingung ist UM Sie und IN Ihnen, denn Er sagt: "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage!" 

Der einzige Auftrag des reumütigen Menschen ist es: sich wiederum mit dieser Urschwingung zu vereinigen, um hierdurch zu dem Vater zurückzukehren, zurück zu schwingen. Alles ist Schwingung, auch die Rückkehr zu dem Vater, auch die Umwendung in die Sohnschaft Gottes. 

Die innere Kraft, die sich IN Ihnen manifestiert, ist eine Schwingung, und Sie können sich damit erheben, sich damit umwenden. 

Sobald Sie dieses tun, weil Sie nicht anders können, gehen Sie über von der Jüngerschaft zu der Sohnschaft. 

Wir können aus Ihnen nur Jünger machen, in dem besten Sinn des Wortes: d.h. in Freiheit und Selbstautorität.  

Ohne Ihr Denken und Fühlen gefangen zu nehmen. Und dann hoffen wir, daß solch eine freie Jüngerschaft Sie dazu ermutigt, das zu tun, was die Jünger von Christi taten: hinauszugehen und das Wort zu verkündigen! 

Hinauszugehen und die Ur-Schwingung durch Sie selbst auszutragen als einen Beweis, daß der Vater besteht. 

Sie müssen selbst Logoi, Wort-Träger werden!  

Jeder Jünger, der nicht selbständig denken und fühlen kann, sondern sich auf Reaktionen innerhalb eines bestimmten Dogmas beschränkt, ist kein Jünger, sondern ein Sklave.  Der Sklave sieht, was der Meister tut, aber er weiß nicht, warum.  Nur der Sohn kennt die Werke seines Vaters, weil er daran teil hat.  

Wir werden nicht ruhen bevor wir bemerken, daß unter Ihnen Jünger sind, die die Sohnschaft ererben. Denn erst dann erreichen Sie das Ziel:  die Heimkunft zu dem Vater! 

Wenn es Sie unaufhörlich hiernach verlangt, wird Ihnen die Verwirklichung nicht vorenthalten werden. 

Halten Sie sich verborgen in dem Tiefen Frieden von Bethlehem, auf daß der Sohn Gottes in Ihrer Grotte des Herzens geboren werde!

©1970 - 2020    Henk und Mia Leene